Even Realities

Even Realities ist eine noch junge Smartglasses-Marke, die einen deutlich anderen Ansatz verfolgt als viele Wettbewerber im Bereich AI- und AR-Brillen. Das 2023 gegründete Unternehmen mit Hauptsitz in Shenzhen wurde von einem Team aufgebaut, das Erfahrung aus Unternehmen wie Apple, Samsung, Philips, Mykita und Lindberg mitbringt und damit Kompetenzen aus Technologie, Optik, Brillendesign und Fertigung miteinander verbindet. Gründer und CEO Will Wang arbeitete zuvor unter anderem an Apple Watch und iPhone. Im Mittelpunkt steht die Idee, digitale Informationen nicht über ein auffälliges Headset oder eine mit Kameras vollgepackte Computerbrille bereitzustellen, sondern über eine möglichst gewöhnlich wirkende Brille, deren Technik sich im Alltag weitgehend zurücknimmt. Bekannt wurde Even Realities 2024 mit der Even G1, einer leichten Smartglasses mit binokularem Micro-LED-Display und Waveguide-Optik. Die Brille blendet Informationen direkt in das Sichtfeld ein und kann unter anderem Navigation, Benachrichtigungen, Übersetzungen, Transkriptionen, Notizen, einen Teleprompter und KI-Funktionen anzeigen. Dabei verzichtete Even bewusst auf eine integrierte Kamera und setzte damit früh einen Gegenpunkt zu Smartglasses, deren Schwerpunkt auf Foto-, Video- und KI-Vision-Funktionen liegt. Die G1 wird inzwischen nicht mehr verkauft, bestehende Geräte werden laut Hersteller jedoch weiterhin unterstützt. Mit der Even G2 hat das Unternehmen dieses Konzept weiterentwickelt. Auch die zweite Generation bleibt kamerafrei und verwendet transparente Waveguide-Optik mit Micro-LED-Projektoren, die Informationen als Heads-up-Display vor beiden Augen darstellen. Even bezeichnet das System nicht als vollwertiges räumliches AR-Display, sondern bewusst als HUD: Digitale Inhalte erscheinen in einer klar definierten Ebene im Sichtfeld, anstatt komplexe dreidimensionale Objekte dauerhaft in der realen Umgebung zu verankern. Dadurch kann die Brille kompakter und energieeffizienter bleiben als viele klassische AR-Headsets. Zu den Funktionen gehören unter anderem Echtzeitübersetzung, Navigation, Kalenderinformationen, Benachrichtigungen, Aufgabenlisten, Teleprompter-Funktionen sowie KI-gestützte Hinweise. Die G2 arbeitet mit Android- und iOS-Smartphones zusammen und erreicht laut Hersteller bei typischer Nutzung eine Akkulaufzeit von bis zu zwei Tagen. Interessant ist dabei vor allem die technische Zurückhaltung: Die Brille besitzt weder Kamera noch Lautsprecher. Statt möglichst viele Sensoren und Multimediafunktionen in den Rahmen zu integrieren, konzentriert sich Even Realities auf die Darstellung kurzer, unmittelbar relevanter Informationen. Vier Mikrofone ermöglichen Spracheingaben und Transkriptionen, während Touchflächen an den Bügeln zur Steuerung dienen. Ergänzend bietet das Unternehmen mit dem Even R1 einen Smart Ring an, über dessen Touchpad sich die Inhalte der Brille diskret per Tippen und Scrollen bedienen lassen. Gleichzeitig erfasst der Ring Gesundheits- und Wellnessdaten, die wiederum im Display der G2 dargestellt werden können. Damit versucht Even Realities nicht einfach, ein Smartphone auf das Gesicht zu verlagern, sondern entwickelt ein eigenes Bedienkonzept aus Brille, Smartphone und Ring. Hinzu kommt inzwischen Even Hub, eine Entwicklerplattform, über die Anwendungen und Erweiterungen für die G2 entstehen können. Die Anwendungen laufen dabei auf dem verbundenen Smartphone, während die Brille hauptsächlich als Display und Eingabegerät dient. Dieser Ansatz reduziert die notwendige Rechenhardware im Brillenrahmen und könnte langfristig dabei helfen, Smartglasses leichter und alltagstauglicher zu gestalten. Für Pixelversum ist Even Realities deshalb besonders relevant, weil die Marke eine der interessantesten Gegenpositionen zum derzeitigen Trend kamerabasierter AI Glasses verkörpert. Während Unternehmen wie Meta stark auf Kameras, Sprachassistenten und multimodale KI setzen, konzentriert sich Even stärker auf Display-Technologie, Micro-LED, Waveguides, Heads-up-Interfaces, diskrete Bedienung und ein klassisches Brillendesign. Gerade dieser Ansatz könnte für die Entwicklung alltagstauglicher Smartglasses entscheidend sein: Statt möglichst viele Funktionen in eine Brille zu integrieren, versucht Even Realities, nur jene Informationen sichtbar zu machen, die in einem bestimmten Moment tatsächlich gebraucht werden. Das Unternehmen entwickelt damit weniger ein Miniatur-AR-Headset als vielmehr eine neue Form persönlicher Anzeige, die zwischen klassischer Brille, Wearable und digitalem Assistenten angesiedelt ist. Für den Smartglasses-Markt ist Even Realities damit eine vergleichsweise kleine, aber technologisch interessante Marke, weil sie zeigt, dass die Zukunft intelligenter Brillen nicht zwangsläufig über Kameras, immersive AR oder möglichst umfangreiche Hardware führen muss, sondern ebenso über leichte Optik, dezente Displays und Interfaces, die im Alltag möglichst wenig Aufmerksamkeit verlangen.