Rokid ist ein chinesisches Technologieunternehmen, das sich auf Augmented Reality, AI Glasses und neue Formen der Mensch-Computer-Interaktion spezialisiert hat. Das Unternehmen wurde 2014 in Hangzhou gegründet und beschäftigte sich zunächst intensiv mit Sprachsteuerung, künstlicher Intelligenz und Computer Vision, bevor AR-Brillen zum zentralen Bestandteil der eigenen Produktstrategie wurden. Bereits 2016 brachte Rokid mit dem Rokid Alien ein sprachgesteuertes KI-Gerät auf den Markt, 2018 folgte mit der ersten Rokid Glass eine eigenständige AR-Brille. Seitdem hat das Unternehmen nach eigenen Angaben elf Generationen von AI- und AR-Brillen in Serie produziert und mehr als 300 Patente aufgebaut. Anders als Hersteller, die erst durch den aktuellen Boom rund um generative KI in den Smartglasses-Markt eingestiegen sind, verbindet Rokid damit bereits seit vielen Jahren Sprach-KI, Computer Vision, optische Displays, eigene Software und tragbare Hardware miteinander.
Die Produktgeschichte zeigt dabei deutlich, wie sich Rokid von vergleichsweise großen Industrie-AR-Systemen zu immer leichteren Consumer-Brillen entwickelt hat. Auf die erste Rokid Glass folgten unter anderem Rokid Glass 2, das industriell ausgerichtete X-Craft, die Consumer-Brille Rokid Air, Rokid Max und schließlich komplette Spatial-Computing-Lösungen. Während frühe Geräte häufig auf professionelle Anwendungen, Ausstellungen, Industrie oder Tourismus ausgerichtet waren, begann Rokid insbesondere mit Rokid Air und Rokid Max, leichtere Display-Brillen für Unterhaltung und persönlichen Medienkonsum anzubieten. Die Grundidee ist einfach: Statt ein großes VR-Headset zu tragen, werden hochauflösende Displays in ein brillenähnliches Gehäuse integriert und mit Smartphone, Computer, Spielekonsole oder einer separaten Recheneinheit verbunden. Der Nutzer sieht dadurch beispielsweise einen großen virtuellen Bildschirm vor sich, während die Brille selbst wesentlich leichter bleibt als ein vollständiges Standalone-XR-Headset.
Ein bekanntes Beispiel dafür ist die Rokid Max 2. Die Display-Brille arbeitet mit OLED-Panels und erreicht bei entsprechender Verbindung eine Auflösung von bis zu 1.920 × 1.200 Pixeln pro Auge. Solche Geräte werden vor allem als tragbare Großbildschirme eingesetzt: Filme, Spiele oder Computeroberflächen erscheinen vor dem Nutzer wie auf einer großen virtuellen Leinwand. Der Vorteil dieses Ansatzes liegt darin, dass Prozessor und Akku nicht vollständig im Brillengestell untergebracht werden müssen. Dadurch kann das eigentliche Display-Gerät leichter ausfallen, während die Rechenleistung von einem Smartphone, Computer oder einer separaten Station bereitgestellt wird. Rokid hat dieses Prinzip über mehrere Produktgenerationen weiterentwickelt und damit eine Geräteklasse etabliert, die zwischen klassischer Videobrille und vollständigem Spatial-Computing-System angesiedelt ist.
Mit Rokid AR Spatial und der Rokid Station 2 entwickelte das Unternehmen daraus eine umfassendere räumliche Computerplattform. Die Station übernimmt dabei die Rechenleistung und stellt mit YodaOS-Master eine speziell auf räumliche Bedienoberflächen ausgerichtete Software bereit. Nutzer können mehrere virtuelle Fenster gleichzeitig öffnen, Anwendungen im Sichtfeld platzieren und Bluetooth-Tastaturen oder Mäuse verwenden. Die Station 2 verfügt über 8 GB Arbeitsspeicher, 128 GB internen Speicher und einen 5.000-mAh-Akku. Dadurch entsteht ein modulares System: Die Brille bleibt vergleichsweise kompakt, während die zusätzliche Recheneinheit Funktionen übernimmt, die bei einem klassischen Standalone-Headset direkt im Gehäuse untergebracht wären. Dieser Ansatz ist besonders interessant für mobiles Arbeiten, Medienwiedergabe und Spatial Computing, weil er versucht, große virtuelle Arbeitsflächen bereitzustellen, ohne dafür ein mehrere hundert Gramm schweres Headset tragen zu müssen.
Parallel dazu hat Rokid seine Strategie inzwischen deutlich in Richtung AI Glasses für den Alltag erweitert. Die aktuellen Rokid Glasses kombinieren ein binokulares Micro-LED-Waveguide-Display mit Kamera, Mikrofonen, Lautsprechern und künstlicher Intelligenz in einem nur 49 Gramm schweren Brillengestell. Das Display arbeitet monochrom in Grün, bietet ein Sichtfeld von 30 Grad, eine Auflösung von 480 × 400 Pixeln und eine Helligkeit von bis zu 1.500 Nits. Statt immersive 3D-Welten darzustellen, soll es vor allem Informationen bereitstellen, die für wenige Sekunden oder Minuten benötigt werden: Navigationshinweise, Übersetzungen, Teleprompter-Texte, Benachrichtigungen oder Antworten eines KI-Assistenten. Gleichzeitig besitzt die Brille eine 12-Megapixel-Kamera, vier Mikrofone und offene Lautsprecher. Als Prozessor kommt Qualcomms Snapdragon AR1 zum Einsatz, der speziell für kompakte Smartglasses und KI-Funktionen entwickelt wurde.
Gerade die Verbindung aus Display und multimodaler KI macht diese Produktgeneration besonders interessant. Über den Sprachbefehl „Hi Rokid“ können Nutzer Fragen stellen, während die Kamera zusätzlichen visuellen Kontext liefern kann. Die Brille kann beispielsweise Objekte erkennen, Gespräche übersetzen, Inhalte transkribieren oder Navigationsinformationen unmittelbar im Sichtfeld anzeigen. Rokid unterstützt dabei nicht nur ein einzelnes KI-Modell, sondern integriert verschiedene Dienste und Modelle wie ChatGPT, Gemini beziehungsweise weitere regionale KI-Systeme in sein Ökosystem. Die Rokid AI App dient gleichzeitig als zentrale Software zur Konfiguration, Medienverwaltung und Nutzung der KI-Funktionen. Ein Update vom September 2026 erweiterte beispielsweise die Meeting-Funktionen um mehrsprachige Transkriptionen, KI-Zusammenfassungen und multimodale Auswertung von während eines Meetings aufgenommenen Bildern. Damit entwickelt sich die Brille zunehmend vom einfachen Informationsdisplay zu einem persönlichen, kontextbezogenen Assistenten.
Rokid verfolgt dabei inzwischen bewusst mehrere unterschiedliche Smartglasses-Konzepte. Neben den Rokid Glasses mit integriertem Display bietet das Unternehmen mit Rokid AI Glasses Style auch eine deutlich einfachere, displaylose Variante an. Sie wiegt nur 38,5 Gramm und konzentriert sich auf Kamera, Sprache, Audio und KI. Eine 12-Megapixel-Kamera ermöglicht Aufnahmen aus der Ich-Perspektive, während Open-Ear-Lautsprecher und Sprachsteuerung für Telefonate, Musik und KI-Interaktionen genutzt werden können. Da kein Display integriert werden muss, kann das Design noch stärker an klassische Alltagsbrillen angepasst werden. Gleichzeitig werden Korrektionsgläser, Gleitsichtgläser sowie photochrome, polarisierte und getönte Gläser unterstützt. Rokid verfolgt damit eine ähnliche Aufteilung wie andere große Smartglasses-Anbieter: Displaylose AI Glasses sollen möglichst leicht und unauffällig sein, während Modelle mit Display zusätzlich visuelle Informationen unmittelbar vor dem Auge darstellen können.
Technologisch gehört die Optik zu den wichtigsten Bereichen der Marke. Bei den aktuellen Rokid Glasses kommt eine Micro-LED-Lichtquelle in Verbindung mit Waveguide-Technologie zum Einsatz. Waveguides leiten das erzeugte Licht durch sehr dünne transparente optische Strukturen bis vor das Auge und ermöglichen dadurch eine wesentlich brillenähnlichere Konstruktion als klassische VR-Optiken. Solche Systeme stellen Hersteller allerdings vor zahlreiche Herausforderungen: hohe Helligkeit, geringer Stromverbrauch, ausreichendes Sichtfeld, eine möglichst große Eyebox und gleichzeitig geringe Abmessungen müssen miteinander kombiniert werden. Rokid verfolgt deshalb unterschiedliche optische Konzepte parallel. Während Geräte wie Rokid Max stärker auf OLED-basierte virtuelle Großbildschirme setzen, verwenden die neuen AI Glasses kompakte Micro-LED-Waveguides für Informationen direkt im natürlichen Sichtfeld. Diese unterschiedlichen Produktfamilien zeigen, dass der Begriff „AR-Brille“ inzwischen sehr verschiedene Geräteklassen umfasst.
Eine weitere Besonderheit ist YodaOS, das Rokid bereits seit 2019 als eigene Softwareplattform entwickelt. Das Betriebssystem bildet die Grundlage für verschiedene AR- und Spatial-Computing-Produkte des Unternehmens und soll Hardware, räumliche Anwendungen, Computer Vision und natürliche Interaktion miteinander verbinden. Rokid bezeichnet sich deshalb inzwischen nicht nur als Brillenhersteller, sondern als Anbieter eines vollständigen AI×AR-Technologie-Stacks. Dazu gehören Sprachverarbeitung, Natural Language Processing, Computer Vision, optische Displays, Hardwaredesign, Betriebssysteme und Entwicklerwerkzeuge. Gerade diese vertikale Integration unterscheidet Rokid von vielen kleineren Smartglasses-Marken, die Displays oder komplette Hardwareplattformen von anderen Anbietern übernehmen und sich hauptsächlich auf Software oder Produktdesign konzentrieren.
Gleichzeitig besitzt Rokid eine vergleichsweise lange Erfahrung mit professionellen Anwendungen. AR-Systeme des Unternehmens wurden unter anderem für Industrie, öffentliche Sicherheit, Museen, Ausstellungen, Tourismus und Bildung entwickelt. Gerade in solchen Bereichen sind Smartglasses schon länger sinnvoll einsetzbar, weil Informationen direkt am Einsatzort eingeblendet werden können. Ein Techniker kann beispielsweise Arbeitsanweisungen sehen, Besucher eines Museums zusätzliche Informationen zu einem Ausstellungsstück erhalten oder Mitarbeiter über Sprache und visuelle Hinweise durch komplexe Prozesse geführt werden. Diese Enterprise-Erfahrung fließt zunehmend in die Consumer-Produkte ein, während umgekehrt leichtere Optik und neue KI-Funktionen professionelle Systeme verbessern können. Rokid verbindet damit zwei Marktbereiche, die bei vielen anderen Herstellern relativ getrennt voneinander behandelt werden.
Die aktuelle Produktstrategie zeigt deutlich, wohin sich Rokid entwickeln möchte. Das Unternehmen setzt nicht ausschließlich auf vollständige Mixed-Reality-Headsets und versucht auch nicht, alle Funktionen eines Smartphones sofort in eine einzige Brille zu übertragen. Stattdessen entstehen mehrere spezialisierte Geräteklassen: Display-Brillen für virtuelle Großbildschirme, Spatial-Computing-Systeme mit externer Recheneinheit, leichte AI Glasses ohne Display und intelligente AR-Brillen mit Micro-LED-Anzeige. Gemeinsam ist ihnen das Ziel, klassische Bildschirme zunehmend durch Informationen zu ergänzen, die direkt vor den Augen verfügbar sind.
Damit gehört Rokid zu den interessantesten Herstellern an der Schnittstelle zwischen Augmented Reality, künstlicher Intelligenz und Wearable Computing. Die Marke hat sich über mehr als ein Jahrzehnt von Sprach-KI und industriellen AR-Lösungen zu leichten Consumer-Brillen entwickelt und deckt inzwischen nahezu das gesamte Spektrum zwischen einfachem AI-Wearable und räumlichem Computer ab. Besonders die aktuellen Rokid Glasses zeigen, wie sich mehrere bislang getrennte Entwicklungen miteinander verbinden lassen: Micro-LED und Waveguides sorgen für ein unauffälliges Display, eine Kamera liefert visuellen Kontext, Sprachmodelle übernehmen die Verarbeitung von Informationen und natürliche Sprache wird zur wichtigsten Eingabemethode. Statt Nutzer vollständig in eine virtuelle Umgebung zu versetzen, verfolgt Rokid zunehmend das Ziel, digitale Informationen möglichst unauffällig in die reale Welt einzufügen. Genau diese Verbindung aus AI, AR und einem immer brillenähnlicheren Formfaktor dürfte darüber entscheiden, ob Smartglasses langfristig von einem technischen Spezialprodukt zu einem alltäglichen persönlichen Computer werden können.